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«Otto decanus de Hilchberch»

Der Pfarrer, dem unsere Gemeinde ihren Namen verdankt

Wer war «Otto decanus de Hilchberch«, Dekan Otto von Kilchberg? Er lebte im 13. Jahrhundert, doch bis 1998, als unsere Gemeinde ihr 750-Jahr-Jubiläum feierte, war nur wenig bekannt über ihn. Seine «Kirche auf dem Berg» steht bis heute an prominenter Stelle; erhalten ist ebenso das damalige mittelalterliche Dorfzentrum um die Kirche, mit dem Pfarrhaus, dem Sigristenhaus, der Helferei und dem Friedhof. Aber der Dekan war über die Jahrhunderte in den Schatten des Vergessens geraten.

Vor zwanzig Jahren fragte mich Gemeindepräsident Hans-Ulrich Forrer, ob mehr zu erfahren wäre über diese Persönlichkeit, deren Name erstmals erwähnt wurde in einer lateinisch geschriebenen Urkunde aus dem Jahr 1248, ebenso über die in diesem Pergament aufgeführten «Schwestern vom Berg der Heiligen Maria». Ich erhielt den Auftrag, darüber für ein Neujahrsblatt zu recherchieren; es erschien im Jahr 2009.

Es war eine schwierige Aufgabe, denn Dekan Otto wirkte als Dorfpfarrer in Kilchberg zu einer Zeit, als es die Schweizerische Eidgenossenschaft noch nicht gab (und, nebenbei bemerkt, Amerika noch nicht entdeckt war).

Meine Forschungen ergaben, dass Dekan Otto nicht nur Pfarrer in Kilchberg war, sondern auch Priester der Wasserkirche in Zürich. So erklärt sich, dass er seinen Wohnsitz im Jahr 1252 in ein Haus am Limmatquai verlegte, das bis heute erhaltene, prächtige Wettingerhaus am Ufer der Limmat.

Er erwarb diese Liegenschaft für 48 Mark Silber von Rüdiger Manesse, dem Minnesänger und Urheber der berühmten Manessischen Liederhandschrift. Nach zwei Jahren verkaufte er dieses Haus an das Kloster Wettingen und zog weiter ans Zürcher Oberdorftor. Der Verkaufsvertrag gibt Aufschluss über die reichhaltige Ausstattung, die er den Nachfolgern überliess: zwei Trotten (Weinpressen), Weinfässer, Geschirr und den ganzen Wohnungsinhalt abgesehen von Geld, Wein und Nahrungsmitteln.

Von Otto von Kilchberg gibt es keine biografischen Angaben und kein Bild, aber seine Amtstätigkeit ist in Urkunden erstaunlich gut dokumentiert. Er wirkte in Kilchberg zusammen mit Ritter Burkhard II., einem Regenten aus der Zürcher Adels-Dynastie der Hottinger. Dabei leitete er nicht nur seine Kirche, sondern verwaltete auch die Güter in seiner grossen Pfarrei, die damals auch Wollishofen, Rüschlikon und Adliswil umfasste. Im Jahr 1248 ernannte ihn der Bischof von Konstanz als Dekan, womit er auch für das Landdekanat Zürich zuständig war, das von den Siedlungen um den Zürichsee bis nach Glarus reichte.

Bei Ottos Urkunde von 1248, die das Siegel des Dekans wie auch des Abtes von Kappel trägt, ging es um einen Landtausch zwischen einem Bürger von Adliswil und den nicht ordinierten Nonnen «vom Berg der Heiligen Maria», die in einem Klösterchen am Albishang unterhalb der Buchenegg lebten. Der anscheinend banale Vorgang erhielt kurz darauf ausserordentliche Bedeutung, indem der Dekan und der Abt das Klösterchen aufhoben und die Schwestern ins neugegründete Kloster Wurmsbach überführten.

Die Neugründung des Klosters erfolgte dank einer Schenkung des Grafen Rudolf von Rapperswil. In der Schenkungsurkunde des Jahres 1259 heisst es: «Graf Rudolf von Rapperswil übergibt seine Güter zu Wurmsbach der Äbtissin zu Marienberg bei Kilchberg beim Zürichsee.» Die Schwestern des Klosters von Mariaberg wurden als Zisterzienserinnen ordiniert und als erste Nonnen des Klosters Mariazell in Wurmsbach eingesetzt.                                   

Die auf der Buchenegg ausgestellte Urkunde wurde nach Wurmsbach gebracht, blieb dort aber keineswegs sicher. Bei den Villmerger Kriegen des Jahres 1655 griffen die Zürcher Truppen die Stadt Rapperswil an. Während der erfolglosen Belagerung plünderten die Soldaten auch das Kloster Wurmsbach. Der Zürcher General Johann Rudolf Werdmüller raubte die 1248er-Urkunde und nahm sie mit in seinen Seidenhof in Zürich; erst hundert Jahre später verlangte die Stadt die Rückgabe des kostbaren Pergaments.

Während der Invasion französischer Truppen im Zug der Französischen Revolution von 1789 flohen die Nonnen mit ihrer wichtigsten Urkunde und brachten sie erst lange nachher ins Kloster zurück, wo sie seither als No.1 im Archiv gehütet wird. Jeden 6. März gedenken dort die Nonnen des Kilchberger Priesters Otto.

Das Frauenklösterchen auf der Buchenegg ist zwar verschwunden. Letzte Mauerreste waren bis vor Ende des 19. Jahrhunderts zu sehen; deren genaue Koordinaten sind bekannt. Die Kantonsarchäologie bleibt interessiert. Nach einer Prospektion im Jahr 1997 führte sie am 22. Februar 2020 eine sogenannte ehrenamtliche Grabung durch. Ich wurde dabei aufgefordert, über die historische Bedeutung dieses Geländes zu berichten und beim Graben mitzuhelfen. Ich grub aber noch zuwenig tief, um etwas zu finden.

Das Klösterchen auf der Buchenegg ist neu auferstanden als mächtiges Kloster Wurmsbach am Obersee bei Rapperswil. Auch andere Denkmäler erinnern an Dekan Otto; sein Geist lebt weiter. Seine erneuerte «Kirche auf dem Berg» präsentiert sich in voller Pracht. Sein Name, Otto von Kilchberg, ist seit 777 Jahren verbunden mit dem Namen unserer Gemeinde, dem wir täglich unzählige Male begegnen und den wir in unserer persönlichen Adresse verwenden.

Hans Bosshard

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