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INTERVIEW – «Ehrlich sein zu sich selber, hilft in vielen Fällen»

Uniseelsorger und Hochschule St. Gallen: So ohne Weiteres würde man diese beiden Dinge nicht zusammenbringen. Dennoch übt Thomas Reschke dort schon seit Jahren dieses Amt aus. Im Vorfeld des Männertreff 50+ vom 9. Juni konnten wir ihm ein paar Fragen stellen.

Thomas Reschke, Sie sind schon seit vielen Jahren katholischer Seelsorger in St. Gallen. In welchen Situationen kommen Studierende zu Ihnen?

Viele Studierende kommen ausgesprochen fröhlich zu mir, weil sie an einem der zahlreichen gemeinschaftlichen Anlässe in unserem Haus teilnehmen. Das sind sehr niederschwellige Anlässe, die die Chance bieten, mich kennenzulernen, Vertrauen aufzubauen und dazu beitragen, via Mundpropaganda die Uniseelsorge überhaupt bekannt zu machen.

Aber so ohne weiteres sucht man Sie nicht auf, oder?

In den eigentlichen Seelsorgegesprächen unter vier Augen fokussieren sich die Themen bei den Studierenden auf die Bereiche «Studium/Berufswahl», «Eltern», «Liebe/Sexualität», «Einsamkeit» sowie der Suche nach Sinn und Glaube. Bei den Dozierenden und Mitarbeitenden sind es Themen wie «Burnout», «Verlustängste», «Anerkennungsbedürfnis», «Partnerschaftsprobleme» und «Probleme im Arbeitsumfeld» sowie sehr stark auch «Sinnsuche».

Wie unterstützen Sie?

Ich versuche bei wirklichen Hilferufen immer zeitnah zur Verfügung zu stehen. Der oder die Studierende traut sich in dem Moment, tiefste Not zu äussern, später hat er oder sie vielleicht keine Kraft mehr dazu. Wir beginnen dann mit einer Auslegeordnung. Das ist sehr hilfreich: In eigenen Worten das Problem zu formulieren. Allein einmal ehrlich sein zu sich selber, hilft in vielen Fällen. Es dient der Förderung selbsttherapeutischer Prozesse. Ich versuche den Härtegrad der Krise wahrzunehmen: Ob es eine temporäre, leichte oder mittlere Lebenskrise ist oder eine nachhaltig-wirksame Lebenskrise oder gar eine psychische Krankheit, die psychiatrischer Abklärung bedarf. Ich begegne dabei den Menschen auf dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes und vermittle dabei – das habe ich übrigens vom Zürcher Pfarrer Sieber gelernt – die Botschaft: «Ich glaube an dich».

Sie haben die unterschiedlichen Härtegrade einer Krise erwähnt. Welches sind besonders schwierige Fälle?

Die schwierigsten Kriseninterventionen sind Todesfälle von jungen Studierenden, wobei wir an der HSG statistisch da nicht auffällig sind. Hier gilt es vor allem, die Familie und die Kommilitoninnen und Kommilitonen zu begleiten. Das Begleiten ist sowohl eine emotionale Arbeit als auch sehr wörtlich zu verstehen, so dass ich z.B. mit der Familie an den Fundort des Verstorbenen gehe. Vor einiger Zeit erlebte ich, dass alle Trauergäste gegangen waren, aber die trauernden Eltern der jungen Verstorbenen unbedingt wollten, dass ich bleibe. Die Fragen der Eltern: «Gibt es irgendeine Hoffnung? Was sagen Sie als gläubiger Mensch? Und wie kann man als intelligenter Mensch gläubig sein?» Es waren viele Fragen an dem Abend, und ich versuchte, so viel Licht zu geben, dass die Mutter die erste Nacht überleben konnte. Sie hatte schon vom Abschiedsbrief bis zum Gift alles parat gestellt. Ich denke, dass die Hoffnung und die Liebe das sind, was uns Menschen am meisten fehlt. Diese spüren zu dürfen, ist etwas Wunderbares. Und in diese Trias gehört eben auch der Glaube, die stärkste Kraft im Menschen.

Neben dem seelsorgerischen Teil machen Vorlesungen wie etwa über die «Sieben Todsünden» oder «Engel» einen grossen Teil Ihrer Arbeit aus. Wie gelangen Sie zu Ihren Themen?

Glücklicherweise habe ich das Privileg, völlig frei zu sein bei der Themenwahl. Es gibt das schöne Bonmot, dass die Theologie in ihrem windgeschützten Elfenbeinturm «Antworten gibt auf Fragen, die niemand stellt». Und dann ist man nicht mehr relevant. Ich versuche bei den Erfahrungen und Fragen der Menschen heute anzusetzen. Was bewegt die Menschen heute? Und dann blicke ich von dort auf die Denkofferten der Theologie, die oft vielfältiger und hilfreicher sind, als man meint. 

Die HSG gilt als Kaderschmiede. Warum gehören Ihrer Ansicht nach die theologischen Vorlesungen hier zu den bestbesuchten?

(Lacht) Da könnten meine Hörerinnen und Hörer besser Auskunft geben. Ich denke, es ist das «Gesamtpaket»: Erstens möchte ich, dass die Hörerinnen und Hörer sich wirklich willkommen fühlen. Rechtzeitig da sein, freundlich begrüssen und miteinander sprechen, die Hand geben, auf Mails reagieren – das sind Dinge, die in keinem «Pflichtenheft» stehen. Wir Menschen leben von kleinen Zeichen der Menschlichkeit. Zweitens habe ich das Glück, als Theologe ein breites Spektrum an Themen wählen zu können, die für das Leben relevant sind und einen Mehr-Wert bringen. Drittens sagt man, dass man mich wegen meiner kräftigen Stimme gut verstehen kann. Und viertens macht offenbar das Uni-Marketing «än cheibe guete Job». Schliesslich kann man das ja bei uns auch studieren. 

Zunehmende Digitalisierung, härtere Arbeitsbedingungen, höhere Studienanforderungen: Haben Sie diesbezüglich im Verlaufe Ihrer Arbeit Veränderungen bei den Studierenden feststellen können?

Während die älteren Generationen davon ausgingen, dass alles besser wird, nehme ich aktuell erstmals eine Generation von Studierenden wahr, die kaum an eine bessere Zukunft glaubt. Die Gegenwart wird von Krisen und Katastrophen dominiert und prägt das Lebensgefühl der Studierenden. Die Arbeit an der Universität ist dementsprechend anspruchsvoller geworden, die Zahl der seelsorgerischen Kriseninterventionen gestiegen. Trotzdem ist es schön zu sehen, wie aktiv die Studierenden ihre Fähigkeiten für die Gesellschaft und die Zukunft der Erde einsetzen.

Interview: Robin Ziltener

Männertreff 50+, Fr, 9. Juni 2023, ref. KGH, 18.30 Uhr: Apéro, 20.00 Uhr: Referat. Unkostenbeitrag: 30 Franken, Anmeldung über www.refkilch.ch/anmeldung oder Tel. 044 715 56 51

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